Tablets in Kinderhand – Bericht über die wissenschaftliche Fachtagung des Deutschen Jugendinstituts in München

Am 28.01.2016 fand in den Räumen des DJI – Deutsches Jugendinstitut, München, eine Fachtagung zu einem in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft gleichermaßen viel diskutierten Thema statt. Es ging um „Tablets in Kinderhand“ – so der Titel der Fachtagung. Dabei wurden digitale Medien in der Lebenswelt von Klein- und Kindergartenkindern aus unterschiedlichen Perspektiven interdisziplinär beleuchtet. Den Anfang machte Prof. Dr. Stefan Aufenanger von der Universität Mainz:

Vortrag: Das pädagogische Potenzial digitaler Medien für Kindergartenkinder in der wissenschaftlichen Diskussion

Aufenanger begann mit der Feststellung, dass sich die Mediennutzung durch mobile Endgeräte verjüngt habe und auch eine Selbstverständlichkeit der Nutzung eingetreten sei. Das Ambivalente sei aber, dass die Eltern der nutzenden Kinder zwar die Vorteile der Mediennutzung sehen, aber auch Ängste hätten und ein Kontrollbedürfnis äußerten. In sein anschließendes Plädoyer für Medienbildung in Kindertagesstätten integrierte er die Verbesserung der Frage „Wann soll ein Kind ein Tablet haben?“ in die Frage „Wann kann ein Kind damit umgehen?“, die nur individuell zu beantworten sei. Aufenanger zeigte im Rahmen der teilweise sehr emotional geführten Diskussion die Problembereiche wissenschaftlicher Studien auf, z.B. die vielfältigen Faktoren, welche die kindliche Mediennutzung beeinflussen. Studien aus England und Skandinavien zeigen laut Aufenanger schon länger, dass Schulen, die mit Tablets ausgestattet sind, positive Effekte wie mehr Motivation und mehr Spaß am Lernen bei ihren Schülerinnen und Schülern feststellen. Problem sei bei kleinen Kindern eher die intensive bis exzessive Mediennutzung, die z.B. zu Schlaf- und Konzentrationsstörungen führen könnte, was aber noch nicht fundiert bewiesen sei. Aufenanger betonte, dass es auf eine Balance zwischen unterschiedlichen Formen der Beschäftigung und Förderung von Kindern ankomme, zu der auch die Beschäftigung mit und Förderung durch Medien gehören könne, ebenso wie Ausflüge in die Natur, Brettspiele oder das Lesen von Büchern. In eigenen Studien stellt er immer wieder fest, dass Kinder sehr kreativ mit Tablets umgehen, wenn sie dabei begleitet werden und die Möglichkeit zum Nachfragen und Hilfe einfordern haben. Hervorzuheben sei auch der Gewinn an Selbstbewusstsein durch das positive Feedback von Apps. Auch die Potenziale der sprachlichen Förderung hob Aufenanger hervor. Abschließend umriss er folgende Problembereiche, die in Zukunft genauer erforscht und diskutiert werden müssen:

  • Reale Erfahrung versus mediale Erfahrung?
  • Touchscreen-Technologie versus Dinge „be-greifen“?
  • Vergleich der Qualität der Inhalte
  • Pädagogische Einbettung der Mediennutzung

Im Anschluss stellte Dr. Christine Feil vom DJI die Ergebnisse ihrer qualitativen Studie „Kinder am Tablet: Beobachtungen zur Medienaneignung von Zwei- bis Sechsjährigen“ vor:

Studie: Kinder am Tablet

Feil führte eine Beobachtungsstudie mit 23 Kindern zwischen zwei und sechs Jahren durch, in der die Kinder mit Kameras gefilmt wurden und die Eltern zusätzlich ein Medientagebuch ausfüllen sollten. Folgende Schlüsse konnte sie aus ihren Beobachtungen und Auswertungen ziehen:

Spielend Lernen Minecraft Kinder; (c)Ulrich TausendGerade für die Jüngeren gibt es teilweise Probleme mit instrumentellen Herausforderungen (z.B. Dosierung der Kraft beim Drücken, Koordination beim Ziehen von Objekten, Behalten der Übersicht innerhalb der App). „Intuitiv ist für kleine Kinder nichts.“ Sie brauchen laut Feil Unterstützung bei der Bedienführung und der Navigation, sonst kommen sie in den meisten Apps nicht weit. Kinder holten sich im Rahmen der Beobachtung auch (fast) immer Hilfe, wenn sie diese benötigten. Kleine Kinder tippten oft nur auf das, was im Zentrum des Bildschirms steht, kleine Symbole am Rand wurden nicht ausprobiert.

In der Beobachtungsgruppe der Drei- bis Vierjährigen war auffällig, dass sie Apps schon viel experimentierfreudiger und mit mehr Geduld ausprobierten und dadurch auch nicht so viel Hilfe anforderten. Doch von intuitivem Bedienen und Navigieren könne auch hier noch nicht die Rede sein.

Die Fünf- bis Sechsjährigen suchten am meisten die Herausforderung. Hier sei in der Nutzung oft schon der Übergang zu Erwachsenen-Apps zu beobachten gewesen. Diese Kinder hätten ein gefestigtes Navigationswissen und könnten sich Apps tatsächlich intuitiv erschließen, sogar, wenn sie noch kaum erfahren in der Bedienung von Apps gewesen seien.

Feil kam zu folgendem Fazit:

  • Kleine Kinder sind keine „digital Natives“. Der Umgang mit Apps muss von ihnen erlernt werden, wozu sie die Hilfe erfahrener Personen benötigen (Eltern, Pädagogen, Geschwister).
  • Den älteren Kindern fällt es leichter, eigenständig mit Apps umzugehen und sie zu erkunden. Auch Lerninhalte werden von ihnen leichter erkannt und verstanden.
  • Wann Kinder die Möglichkeit bekommen, sich Apps anzueignen, bestimmen deren Eltern.

Nach der Mittagspause stellte Alexander Grobbin vom DJI seine Studie zum Informationsbedarf von Eltern zum Thema Onlinemedien im Kindesalter vor. Das Internet sei für die Eltern ein zentrales Erziehungsthema, wobei Väter hier involvierter, aber auch offener als Mütter seien. Dies wurde besonders an der Frage „Ist der Umgang mit dem Internet für das Aufwachsen von Kindern förderlich?“ deutlich, der vor allem die Väter zustimmten. Auffällig war ebenfalls, dass Eltern sich umso kompetenter halten, je häufiger sie selbst das Internet nutzen. 89 Prozent der Mütter und 79 Prozent der Väter sind laut Studie der Meinung, dass der Jugendschutz im Internet verschärft werden sollte. Dazu passt, dass die Eltern fast ausschließlich nicht wollen, dass Tablets in Kindertagesstätten vorkommen. Erst in der Grundschule findet dieses Medium bei den Eltern Akzeptanz. Abschließend wurde von den Eltern der Wunsch geäußert, dass vor allem Altersempfehlungen auf Internetseiten und Apps ihnen bei der Orientierung und Einschätzung helfen würden.

Im Anschluss an Grobbin stellte Prof. Dr. Dorothee Meister die NRW-Kita-Studie von 2012 vor, in der es um digitale Medien in der Ausbildung des pädagogischen Personals und in der Praxis von Kindertageseinrichtungen geht. Laut Studie wird von den pädagogischen Fachkräften vor allem kritisch gesehen, dass einfach zu wenig Zeit für den Einsatz von Medien im pädagogischen Alltag vorhanden sei. Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass Medien in Kindergärten viel zu wenig kreativ genutzt werden.

Weitergeführt wurde die Tagung mit zwei Praxisberichten, in denen konkrete Projektkonzepte zu „Tablets in Kinderhand“ vorgestellt wurden. Abschließend stellte Marlen Korn von Jugendschutz.net vor, was Eltern und Erzieherinnen zum Kindermedienschutz in der Altersgruppe der unter Sechsjährigen wissen müssen, gefolgt von einer Abschlussdiskussion zu digitalen Medien in der frühen Kindheit.

Insgesamt bot die Tagung viele Impulse und Denkanstöße, machte aber auch klar, dass es noch viele unerforschte Bereiche gibt, wenn von „Tablets in Kinderhand“ die Rede ist.

Mehr Informationen zur Tagung finden sich auf der Seite des DJI – Deutsches Jugendinstitut, München

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