Wenn die Flut kommt – #IdT14 nimmt Big Data und seine Folgen für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in den Blick

Jeden Tag wird alleine über Google 6000 Mal das Datengedächtnis der USA verarbeitet. Die Auswertung solch riesiger Datenmengen – Big Data genannt – beeinflusst alle Lebensbereiche. Kinder und Jugendliche in diese Welt zu begleiten, stellt Eltern, pädagogische Fachkräfte und gesellschaftliche Akteure vor neue Herausforderungen. „Alles unter Kontrolle?“, fragte deshalb die 10. Interdisziplinäre Tagung nach, die am 28. November in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) stattfand. Einen Tag lang diskutierten 150 Teilnehmende aus Forschung und Praxis fachübergreifend das Thema „Interdisziplinäre Zugänge zum Aufwachsen in einer digitalen Gesellschaft“. Sie folgten der Einladung des JFF – Institut für Medienpädagogik und der BLM. Gefördert wurde die Tagung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die Zukunft gehört einer Arbeitswelt, in der nicht mehr nur Menschen, sondern auch Werkstücke miteinander in Kontakt sind: Welche Folgen Big Data hat, verdeutlichte der Wissenschaftsphilosoph Professor Klaus Mainzer in seinem Einstiegsreferat. Dabei zeichnete er ein Bild der soziotechnischen Welt, in die Kinder und Jugendliche hineinwachsen. „Das Internet, das wir alle kennen und nutzen, ist ein Computernetz, bei dem Menschen miteinander kommunizieren“, sagt der Forscher der TU München. In der Zukunft, die er „Industrie 4.0“ nennt, kommunizierten verstärkt die Dinge miteinander. Die Datenflut brauche Reflexion, Theorie und Gesetze, damit „eine immer komplexere und von Automatisierung beherrschte Welt nicht aus dem Ruder läuft“.

Wie sich die Digitalisierung der Gesellschaft aus Sicht der Kinder und Jugendlichen darstellt und welche Herausforderungen für ein möglichst selbstbestimmtes Aufwachsen damit verbunden sind, skizzierte die Direktorin des JFF Dr. Ulrike Wagner: „Die Integrität für die eigene Person herstellen und die Partizipationsmöglichkeiten auszuschöpfen bilden zwei zentrale Aspekte des Heranwachens.“ Fragen von Jugendlichen an ihre Zukunft in der digitalen Gesellschaft stellte Niels Brüggen vom JFF mit einem Einblick in das Projekt „Jugend erforscht die digitale Gesellschaft“ vor.

Die Herausforderungen auf ethischer Seite skizzierte im Anschluss der Medienethiker Professor Alexander Filipovic von der Münchner Hochschule für Philosophie. Wo der Mensch seine persönlichen Daten ans Netz verkaufe, werde er zur Ware, lautete eine seiner Thesen. „Dieser ökonomische Gedanke wird den Heranwachsenden auf der DNA-Ebene eingepflanzt.“ Filipovic warnte vor den Folgen der Datenökonomie, vor den Überwachungs- und Vorhersagestrukturen, die durch Big Data möglich würden. Als Beispiel nannte er die Freigabe von persönlichen Bewegungsprofilen im Netz. Eine solche Öffentlichkeit nach dem Motto „Ich habe ja nichts zu verbergen“ befördere anti-solidarische Potenziale. „Autonomie steht im digitalen Zeitalter neu zur Debatte“, sagte Filipovic.

Wer sich in digitalen Räumen bewegt, braucht Schutz durch den Gesetzgeber – doch was, wenn sich das Gesetz gegen die Nutzer richtet? Der Rechtsanwalt und Publizist Dr. Till Kreutzer diskutierte mit dem Podium die Herausforderungen des Urheber- und Datenschutzrechts. Er machte klar, wie das Urheberrecht in seiner bisherigen Form zu einer „Verrechtlichung des Alltags“ führe, die für Heranwachsende wie für ihre Eltern oder Erziehenden völlig undurchschaubar geworden sei. „Würde ein Nutzer alle AGBs lesen, die hinter dem Button ´Akzeptieren´ stehen, benötigte er dafür acht volle Tage im Jahr.“ Laien könnten all dies nicht mehr durchschauen, Medienkompetenz alleine reiche dafür nicht mehr. Kreutzer plädierte eindringlich für eine Reform des Datenschutz- und Urheberrechts zu einer „Straßenverkehrsordnung des Internets“, um beispielsweise den Umgang mit Bildern oder gestreamten Videos zu vereinfachen.

Wie sehr die Verrechtlichung des Alltags Medienpädagogik behindert, das konnte Klaus Lutz, pädagogischer Leiter am Nürnberger Medienzentrum Parabol, mit Beispielen belegen. Etwa mit dem einfachen Foto einer erfolgreichen Volleyballklasse, das seit langem darauf war, seinen Platz auf der Internetseite der Schule zu finden. Doch der Rektor gebe das Bild nicht frei, weil nicht alle Eltern dazu eine schriftliche Einwilligung abgegeben hätten, erzählte Lutz. „Jugendliche sind als Produzenten am täglich wachsenden Datenstrom beteiligt“, sagte Lutz. Verbieten lasse sich da nichts. „Wir müssen als Medienpädagogen mit diesem Spagat leben.“

„Medienkompetenz darf sich nicht nur an Kinder und Jugendliche richten“, sagte BLM-Präsident Siegfried Schneider zu Beginn der Tagung. „Sie muss auch die Älteren mitnehmen.“ JFF-Direktorin Ulrike Wagner erweitert diese Ansicht: „Wir dürfen nicht bei den Heranwachsenden stehen bleiben, sondern müssen das erzieherische Umfeld und die pädagogischen Fachkräfte mit einbeziehen sowie Akteure aus der Politik und den Medien für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen gewinnen. Dazu ist es wichtig, Diskurse wie diesen heute zu initiieren“. „Der Mensch muss in den Mittelpunkt gestellt werden“, betonte der Vorsitzende des JFF, Professor Bernd Schorb. Die Jugendlichen hätten ein Recht auf den Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte in den Medien.

Voneinander lernen und Wissen teilen: Seit zehn Jahren bringt die Interdisziplinäre Tagung human- und sozialwissenschaftliche Disziplinen zusammen, um auf wissenschaftlicher Basis über pädagogische Arbeit zu reden. Dabei stehen spezifische Zielgruppen genauso im Blickfeld wie mediale Entwicklungen mit gesellschaftlicher Bedeutung. „Die Dringlichkeit solcher Auseinandersetzungen wächst, je intensiver mediale Techniken und Strukturen in das private und öffentliche Leben Eingang finden“, betonte Professorin Helga Theunert, bis 2010 JFF-Direktorin und Mitbegründerin der Tagung. „Der Anspruch an solche Diskursräume besteht fort.“

Am Vorabend der Tagung wurde das Jubiläum der Tagung mit einem Empfang im Jüdischen Museum München feierlich begangen. Auf dem Podium diskutierten Kathrin Demmler, Direktorin des JFF, Siegfried Schneider, Präsident der BLM, Anne-Kathrin Kaelcke vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und Dr. Markus Reipen vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration (StMAS) die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft für Regulierung, Politik und Pädagogik. Finanziell unterstützt wurde der Empfang vom StMAS und der Landeshauptstadt München.

Die Vorträge stehen wenige Tage nach der Tagung im Tagungsblog im Medienbereich zur Verfügung.

Veröffentlicht am 1. Dezember 2014 von Niels Brüggen auf www.id-tagung.de

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